Urlaub an der türkischen Riviera? Meer, gutes Essen und: Na ja, ein Paar laute Russen muss man schon einkalkulieren. Auch ich war nicht frei von diesem Stereotyp, als ich ein kleines, privat geführtes Hotel nahe Alanya buchte.
Aber es kam anders. Das heißt, genau umgekehrt. Die „braven Deutschen“ haben im Hotel schon am Vormittag Freibier genossen, zum Abendessen nahm sich eine Gruppe der pensionierten Damen aus Hessen Bier mit Raki zu sich. Und davon nicht zu wenig. Es gab keine Randale, aber eine schon etwas feucht – fröhliche Stimmung, wobei die Damen sich auf Kosten der Bedienung amüsiert haben. Diese wiederum – türkische Herren in erhabener Kellneruniform – waren „not amused“, aber stoisch. Die russischen Gäste – in DEM Hotel waren sowohl in Bezug auf Alkoholkonsum, als auch auf die Lautstärke bezogen komplett anderes als erwartet. Zwei Sportmannschaften aus Sibirien samt Trainer und einigen Damen tranken kaum, machten viel Sport am Strand und gingen früh schlafen. Allerdings gab es in der Tat ein Gast aus Minsk, der schon morgens einen betrunkenen Eindruck machte. Aber er saß ganz still auf der Terrasse und unterhielt sich mit dem Mitarbeiter vom hoteleigenen Spa, der aus Georgien kam. Was keinen störte, außer vielleicht den Manager vom Spa-Bereich. Er erzählte mir, dass er gern russischsprachige Mitarbeiter einstellt, sie seien fleißig und ehrgeizig. Und absolut teamorientiert. Er selbst nimmt zwei mal der Woche Russischunterricht in der Alanya. Diese Sprachkurse haben nun Hochkonjunktur auf der ganzen türkischen Riviera.
Es war sehr schön, die russischen Sportler am Strand zu beobachten, für mich als Frau und als Kämpferin gegen crosskulturelle Stereotype. Trotzdem freute ich mich ein wenig, als am letzten Tag meines Aufenthaltes im Hotel ein Mann und eine Frau auftauchten, die dem Stereotyp für ein ungleiches russisches Paar voll entsprach: Er, stark gebräunt, mit dadurch noch mehr sichtbaren, zahlreichen Falten im Gesicht, betont modisch und sportlich angezogen. Mit einer blonden Schönheit im Arm, die seine Tochter hätte sein können. Zum Abendessen trug sie ein viel zu kurzer Rock und viel zu hohe glitzernde High-Heels und außerdem viel zu viel Schmuck. Auf mein russisches „Dobrij vetscher“ antwortete das Paar mit einem Schulterzucken und „Sprechen Sie Deutsch?“.
Auf mein „Guten Abend!“ kam unverwechselbar bayrisch „Grüß Gott!“
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Sehr überzeugend und und lehrreich. Danke für die neuen Perspektiven, Viktor Schmidt